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Hochbegabung - Intelligenz, innere Komplexität und Wahrnehmung

  • 16. Feb.
  • 7 Min. Lesezeit

Warum ich über Hochbegabung schreibe

Hochbegabung ist ein Thema, das vor wenigen Jahren mit grosser Wucht in mein Leben getreten ist und mich seitdem intensiv beschäftigt – ganz persönlich, als Spezialinteresse und beruflich. Und gleichzeitig habe ich sehr lange gezögert, darüber zu schreiben. Irgendwie war es zu Gross, um einen Anfang zu finden. Zum einen, weil es so viel dazu zu sagen gäbe, zum Anderen weil es für mich kein rein theoretisches Thema ist, sondern tief mit Identität und Selbstverständnis verknüpft ist. Hochbegabung ist nichts, worüber ich mal kurz ein bisschen was sagen kann. Sie berührt zu viele Ebenen gleichzeitig und ist, da sind wir schon beim Thema, zu komplex! Wie bei fast allem in meinem Leben gilt auch hier: um dem Thema gerecht zu werden, müsste man ganz tief eintauchen. Und an der Oberfläche kratzen ist unbefriedigend. Dazwischen gibt es wenig.


Dieser Artikel ist deshalb bewusst als erste Orientierung gedacht und soll einen Einstieg bieten, Begriffe einordnen, Perspektiven öffnen und neugierig machen. Ohne diesen Vorsatz hätte ich es wahrscheinlich nie geschafft, überhaupt etwas dazu zu schreiben was kürzer ist als meine Masterarbeit, die ich auch zum gleichen Thema verfasst habe.. ;)


Dabei ist es so wichtig, darüber zu sprechen bzw. zu schreiben! Denn: ich habe es persönlich erlebt und sehe es immer wieder im Coaching mit hochbegabten Klient*innen (die oft nur sehr zögerlich ihre eigene Hochbegabung anerkennen und sich behutsam mit ihr anfreunden), wie entlastend es sein kann, ein inneres Erleben endlich gespiegelt zu bekommen. Weil viele Hochbegabte sich lange „falsch“ fühlen, bevor sie beginnen, ihre eigene Komplexität anzuerkennen und zu verstehen.


Sternenhimmel mit Bergen - Illustration Hochbegabung
Foto von Benjamin Voros auf Unsplash

Hochbegabung verstehen - Potenzial und Komplexität

Rund um Hochbegabung kreisen viele Vorurteile: aussergewöhnliche Intelligenz, schulische Exzellenz, schnelle Auffassungsgabe. Ein verbreitetes Missverständnis lautet: Wer hochbegabt ist, muss automatisch erfolgreich sein. Gute Noten, klare Karriere, stabile Lebensführung. In der Realität erleben viele hochbegabte Menschen das Gegenteil: Unterforderung, Langeweile, innere Unruhe, Perfektionismus, Selbstzweifel oder Anpassungsdruck. Viele meiner Klient*innen berichten von innerer Zerrissenheit, Überforderung oder dem Gefühl, „zu viel“ oder „nicht passend“ zu sein. Manche entwickeln Strategien des Überfunktionierens, andere ziehen sich zurück.


Hochbegabung garantiert keinen Output. Vielmehr beschreibt sie eine besondere Anlage, eine erhöhte Komplexität in Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Verarbeiten. Sie ist also zunächst einmal ein Potenzial – das auch ungenutzt, fehlgeleitet oder blockiert sein kann. Ob und wie sich dieses Potenzial entfaltet, hängt stark von Umfeld, Förderung, Selbstbild und frühen familiären Beziehungserfahrungen ab.


Ein holistisches Verständnis von Hochbegabung

In meiner Arbeit orientiere ich mich am holistischen Hochbegabungsmodell von Intergifted. Dieses Modell betrachtet Hochbegabung nicht nur als intellektuelle Fähigkeit, sondern als Zusammenspiel mehrerer Intelligenzbereiche:


  • Intellektuell - Hohe kognitive Komplexität, abstraktes und vernetztes Denken, tiefe Neugier, Freude an Erkenntnis und das Bedürfnis, Zusammenhänge zu verstehen


  • Emotional - Sehr differenziertes emotionales Erleben, ausgeprägte Empathie, feines Gespür für Stimmungen, Werte, Gerechtigkeit und innere Widersprüche


  • Kreativ - Aussergewöhnliche Fähigkeit, Neues zu sehen und zu gestalten: originelles Denken, starke Vorstellungskraft, Sinn für Humor (oft subtil oder dunkel) sowie kreative Ausdrucksformen in Kunst, Sprache oder Problemlösung


  • Sensorisch - Intensive und nuancierte Wahrnehmung über alle Sinne hinweg, oft verbunden mit Reizoffenheit, starkem Sinn für Ästhetik, Harmonie und feine Unterschiede in der Umwelt


  • Physisch - Besondere körperliche Feinabstimmung oder Koordinationsfähigkeit, z.B. in Handarbeit, Sport oder Musik, sowie ein ausgeprägtes Verständnis für körperliche und naturwissenschaftliche Zusammenhänge


  • Existenziell - Frühes und tiefes Nachdenken über Sinn, Werte, Ethik, Verantwortung und Verbundenheit – häufig begleitet von grossen Fragen zum Leben, zur Welt und zur eigenen Rolle darin


Jede hochbegabte Person zeigt auf diesen Ebenen ein individuelles Profil – mal eher als "Allrounder*in", mal eher „gezackt“ mit Ausschlägen in einzelnen Bereichen.


Dieses Modell hat mir erst den Zugang zum Begriff der Hochbegabung ermöglicht, da es sich mehr mit meinem Erleben meines Selbst und der Welt deckt. Es bildet also ab, dass jemand zum Beispiel kognitiv hochkomplex denkt, emotional sehr tief fühlt, sensorisch sehr empfindsam ist und gleichzeitig stark von existenziellen Fragen bewegt ist – und warum genau diese Kombination im Alltag herausfordernd sein kann.


Vielseitige Begabung

Manche hochbegabte Personen sind nicht extrem gut in einer Sache, sondern erleben in vielen Bereichen Begabung. Sie wechseln Interessen, Berufe oder Projekte, verbinden unterschiedliche Felder miteinander und fühlen sich in klassischen Laufbahnen oft fehl am Platz.


Dieses Phänomen hat verschiedene Namen, vor allem im Englischen und wird wechselweise als "Scanner", "Multipotentialite" oder "Renaissance Soul", also ähnlich dem Begriff der Universalgelehrten bezeichnet. Gerade in Bezug auf die Berufswahl, kann dies zu grossen Herausforderungen führen, da der oft erteilte Ratschlag: "tu das, wofür Du brennst oder worin du gut bist" hier leider nicht weiter hilft. Gleichzeitig hört man immer wieder wie privilegiert man doch sei aufgrund der vielen Talente - aber die damit einhergehende Orientierungslosigkeit kann lähmen und dazu führen, dass dieses Potential eben nicht ausgeschöpft werden kann.


Zweifach besonders – und manchmal noch mehr

Hochbegabung kommt selten allein. Bei vielen Menschen zeigt sich neben der Begabung eine oder mehrere weitere neurodivergente Ausprägungen – zum Beispiel ADHS oder Autismus, weitere Lernschwierigkeiten wie Dyslexie oder Dyskalkulie oder auch sensorische Besonderheiten. In diesem Zusammenhang spricht man von Twice Exceptionality (2E) oder Multi Exceptionality (ME), also "zweifach" oder "mehrfach besonders“.


Diese Profile sind oft besonders komplex – und zugleich besonders unsichtbar. Denn die einzelnen Ausprägungen können sich gegenseitig überdecken: Die Begabung kompensiert Schwierigkeiten, während Herausforderungen wiederum das Potenzial verdecken.


Für die Betroffenen bedeutet das nicht selten einen langen Weg ohne passende Erklärung. Viele kommen erst spät – manchmal erst im Erwachsenenalter, wenn zum Beispiel die Besonderheiten der eigenen Kinder zu Tage treten – zu einer stimmigen Einordnung ihres Erlebens. Umso wichtiger ist ein ganzheitlicher Blick, der nicht versucht, Widersprüche aufzulösen, sondern sie nebeneinander stehen lassen kann. Leider sind viele medizinische und auch schulische Fachpersonen nicht ausreichend mit den Ausprägungen dieser Phänomene vertraut, was eine differenzierte Diagnostik und Begleitung erschwert.


Gifted Shame – die Scham "zu viel" zu sein

In unserer Gesellschaft wird vielem, was von der vermeintlichen Norm abweicht, mit Skepsis begegnet. Es war für mich und meinen Prozess daher augenöffnend, den Begriff der "Gifted Shame" zu lernen. Also Scham rund um die eigene Hochbegabung durch ein lebenslanges Erleben von "zu viel", "zu schnell" oder "zu empfindsam" zu sein.


Ich erlebe bei mir selbst heute noch, dass es mir leichter fällt, über ADHS oder Autismus zu sprechen als über Hochbegabung. Während diesen, als Einschränkung eingeordneten Diagnosen, häufig mit Verständnis oder Mitgefühl begegnet wird, reagiert mein Gegenüber beim Thema Hochbegabung nicht selten mit Minderwertigkeitskomplexen. Manche stellen mich sofort auf eine Art Podest: „Ach, du bist also genial, beweis das doch mal.“ Andere relativieren oder versuchen, mich klein zu machen: „Naja, so besonders ist das doch nicht, sonst könntest Du ja auch dieses oder jenes.“


Selten kommt einfach neugieriges, wertfreies Interesse.


Diese Reaktionen führen dazu, dass viele Hochbegabte diesen Aspekt lieber verschweigen bzw. sich kleiner machen oder eine ungute Beziehung zu dem Thema entwickeln. Hochbegabung wird gesellschaftlich schnell mit Elite, Arroganz oder Leistungsanspruch verknüpft – statt als neurokognitive Variation verstanden zu werden.


Gifted Trauma – wenn Anderssein prägt

Wenn ein hochkomplexes inneres Erleben über Jahre nicht verstanden oder gespiegelt wird, kann das Spuren hinterlassen. Manche Fachpersonen sprechen hier von Gifted Trauma: eine Ansammlung kleiner Verletzungen, die nicht aus einem einzelnen Ereignis entstehen, sondern aus wiederholter Nicht-Passung, wiederholtem Erleben, dass wichtige Grundbedürfnisse nicht erfüllt wurden.


Dazu gehören zum Beispiel:

  • chronische Unterforderung

  • soziale Isolation

  • wiederholtes „zu viel“ oder „zu sensibel“ genannt werden

  • wiederholtes gespiegelt bekommen, dass die eigene Wahrnehmung nicht der der Mehrheit entspricht

  • Fehlinterpretationen als verhaltensauffällig oder schwierig

  • Fehldiagnosen trotz Hilfesuche


Und jetzt?

Dieser Beitrag soll eine Einladung sein, sich tiefer auf das Thema einzulassen. In meiner persönlichen und professionellen Erfahrung ist es essenziell, sich selbst zu verstehen und gut kennenzulernen. Nur so können wir uns ein authentisches Leben gestalten, welches die eigenen Potentiale in Einklang mit den persönlichen Werten zu Entfaltung bringt.


Wenn Du dabei Begleitung wünschst, melde Dich gerne für ein unverbindliches Kennenlerngespräch.




Weiterführende Inhalte zur Selbst-Exploration

Wer sich tiefer mit dem Thema auseinandersetzen möchte, findet hier eine Auswahl an Ressourcen, die mir persönlich hilfreich waren. Diese Liste ist komplett subjektiv und in keiner Weise vollständig.


Eigene Inhalte

  • Dieses Video war sozusagen mein "coming out" als hochbegabt / neurodivergent. Im Live-Interview mit Simone Eppler beschreibe ich meine Hochbegabung und Multi-Exceptionality https://www.youtube.com/live/VJfwvchDswo?si=ZG0GCaXd-oXBH9sw

  • Auf meinem Podcast mit Simone Eppler "Die NeurodivergEnten" spreche ich über mein Erleben als neurodivergente Person mit Hochbegabung, Autismus und ADHS https://www.die-neurodivergenten.ch/

  • Bei Interesse stelle ich meine Masterarbeit zum Thema Coaching im Kontext von Hochbegabung gern zur Verfügung. Sie richtet sich vor allem an Fachpersonen und Menschen, die tiefer in die psychologische und systemische Perspektive einsteigen möchten. Schreibt mir dazu einfach eine Mail


Webseiten

  • Intergifted https://intergifted.com

    Für mich die wichtigste Quelle. Sehr fundierte, differenzierte Inhalte zu Hoch- und Höchstbegabung, Twice Exceptionality und Gifted Trauma. Dort habe ich auch meine Ausbildung in Gifted Psychology in Coaching sowie Gifted Profiling absolviert. Blog und Podcast sind sehr empfehlenswert

  • Rainforest Mind – Paula Prober https://rainforestmind.com

    Das Buch Rainforest Mind war für mich ein Schlüsselmoment. Paula Prober beschreibt Hochbegabung als komplexes, sensibles und vernetztes inneres Erleben – fernab von Leistungsstereotypen. Auch ihr Blog ist lesenswert

  • SENG – Supporting Emotional Needs of the Gifted https://sengifted.org

    Besonders stark im Bereich emotionale Bedürfnisse hochbegabter Kinder und Erwachsener

  • Checkliste Hochbegabung (Junfermann Verlag)

    https://www.junfermann.de/_files_media/downloads/6A1A389A3312079331A3463B/checkliste-hochbegabung.pdf

    Eine niedrigschwellige Möglichkeit zur ersten Selbstreflexion. Und wer liebt nicht alles eine schöne Checkliste?


Bücher

  • Rainforest Mind: Paula Prober

  • The Gifted Adult: Mary-Elaine Jacobsen

  • Living With Intensity - Understanding the Sensitivity, Excitability, and the Emotional Development of Gifted Children, Adolescents, and Adults: Daniels & Piechowski

  • Why Smart People Hurt: A Guide for the Bright, the Sensitive, and the Creative

  • Gifted and Distractible: Understanding, Supporting, and Advocating for Your Twice Exceptional Child

  • The Drama of the Gifted Child: Alice Miller

  • Kassandras Schleier: Wolfgang Schmidbauer


Weitere Buchempfehlungen, die ich noch nicht selbst gelesen habe

  • Kluge Mädchen! Frauen entdecken ihre Hochbegabung: Katharina Fietze

  • Ganz normal hochbegabt und Jenseits der Norm - hochbegabt und hochsensibel: Andrea Brackmann

  • Das Drama der Hochbegabten: J.v. Scheidt

  • Kluge Köpfe - krumme Wege: Andrea Schwiebert

  • Zu intelligent, um glücklich zu sein: Jeanne Siaud-Facchin

  • Searching for meaning: James T. Webb


Podcasts


Vielseitige Begabung

Hierzu gibt es ein paar tolle Quellen, vor allem die Webseite inklusive Selbsttest, Ted Talk, Buch und Community von Emily Wapnik


Wenn Du weitere Tipps hast für guten Content, melde dich ebenfalls gerne bei mir!




 
 
 

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